Yasser

Begegnungen sind wichtig für Kopf und Herz


Am Anfang gab es eigentlich nur zwei Möglichkeiten bei mir Begegnung zu Deutschen zu kriegen:

Ehrenamtliche Projekte oder Kirchengemeinde.
Das war gut am Anfang, wenn man gar kein Deutsch kannte, es war schön, dort zu gehen wo man Leute trifft, von denen man über das Leben in Deutschland lernen kann.
Aber eine schöne Begegnung ist für mich besonders, wenn man den anderen trifft und er das Treffen nicht als Aufgabe sieht. Sondern aus gemeinsamen Interesse, wo man Spaß zusammen hat.


1. Kontakt mit anderen Flüchtlingen
Als ich nach Fürth umgezogen bin, habe ich in einem Flüchtlingsheim gewohnt. Das war eine Seite schlecht, weil man kein private Leben hat (6 Leute in einen Zimmer wohnen, gemeinsame Badezimmer…) und viel Konflikte und wenig Kontakt nach außen hat. Andererseits war für mich gut, dass ich sofort Freunde gehabt hatte. Ich bin alleine nach Fürth umgezogen und hier hat man sofort Leute kennengelernt, die in gleiche Situation wie ich waren und ähnliche schwierige Erfahrungen (Flucht, Sprache, Asylverfahren, Angst um Familie…), die viele Deutsche nicht verstehen.
Dann hat man viel über die gleichen Probleme diskutiert. Das war interessant, auch weil man sieht, wir sind gleich mit Flucht nach Deutschland und trotzdem aus unterschiedlichen Kulturen. Ich habe bis jetzt gute Freunde von dem Heim, und wir helfen einander. Darum – nicht nur Kontakt mit Deutschen ist wichtig, auch mit arabischen Freunden ist wichtig für Ankommen.


2. Treffen mit Deutschen
Es war für mich wichtig, dass ich Deutsche kennenlerne, weil ich große Interesse an die deutsche Kultur hatte und meine deutsche Sprache verbessern wollte. Es gab manchmal große Unterschiede zwischen arabische und deutsche Kultur (Meinungsfreiheit, Gleichberechtigung, mehr Möglichkeiten eigenen Weg zu finden, Sicherheit, Versicherungen, Essen und Trinken), und manchmal ähnliche Sachen (Beispiel Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft). Diesen Kontakt gibt es meistens mit Ehrenamtlichen. Das ist gut für Unterstützung, aber man trifft meistens ältere Menschen, nicht meine Generation. Und das hat auch Spaß gemacht, aber die älteren Menschen haben andere Interessen als ich. Sie sprechen nicht junge Sprache. Und als Deutschlernender habe ich manchmal von ihnen Ausdrücke gelernt, die waren für sie lustig. Und habe ich diese Ausdrücke mit meinen jungen deutschen Freunden benutzt, das war für mich peinlich, weil ich gesprochen habe wie ein alter Mensch. Zum Beispiel wenn ich sagen würde: „Willst du mich verkackeiern?“, lachen sie viel. Sie sagen stattdessen „Willst du mich verarschen?“


3. Every-Nation Café
Ich habe eine Einladung bekommen zu „Every-Nation Cafe“. Ich war dort in zwei verschiedenen Treffen. Die erste war, wo verschiedene Essen gekocht werden von Leuten aus verschiedenen Ländern. Zum Beispiel meine Freunde und ich haben hier einmal arabisches Essen gekocht. Das zweite Treffen ist jeden Sonntag ein Spieleabend, wo verschiedene Brettspiele gespielt werden.
Und in diese beide Begegnungen habe ich viele nette Leute getroffen. Es war eine gute Möglichkeit, mein Deutsch zu verbessern, ohne an Lernen zu denken. Einfach nebenbei. Deswegen waren die Begegnungen im Every- Nation Café sehr interessant für mich, weil ich da Leute von meiner Generation kennengelernt habe. Die machen es nicht als Aufgabe wie Ehrenamtliche, sondern als Spaß und sind neugierig auf Leute aus anderen Ländern. Aber auch aus religiösem Grund für ihre Gemeinde.


4. Job in FZF und Uni
Ich arbeite seit 2,5 Jahre in FZF (Freiwilligen-Zentrum Fürth). Dort habe ich viel Begegnung bekommen. Zum Beispiel mit Kollegen und Ehrenamtlichen und Kunden bei der Arbeit, Ausflüge, Feste, Fortbildungen, Projekte…
Ich habe letztes Jahr mein Studium angefangen in FAU (Friedrich Alexander Universität), was ich nicht in Syrien geschafft habe zu beenden: BWL (Betriebswirtschaftslehre).
Es war am Anfang schwierig mit persönlichen Kontakten. In Syrien das Studium ist übersichtlicher aufgebaut. Man hatte viele menschliche Kontakte. Anders in Deutschland. In Deutschland, wenn ich studiere, ist sehr viel online und digital. Es gibt viele Portale, zum Beispiel mein-campus, studon, faumail. Anmeldung zu Kursen, Stundenplan und Ergebnisse sehen, sogar Vorlesung hören und Bücher suchen mache ich in FAU im Internet. In Damaskus Uni hat das alles mit echte Begegnung zu tun. Hier habe ich nicht so viele Kontakte, sondern ich habe Internet. Kontakte in der Uni für mich hier waren schwierig, weil ich habe hier mehr Kontakte im Internet als privat. Und in der Uni bleiben viele Studenten zurückhaltend. Aber es gab Tandem-Projekt. Das war eine Idee von INTEGRA, eine Organisation, die hilft Ausländern, in Deutschland zu studieren. Man trifft sich hier mit vielen Kommilitonen aus verschiedenen Ländern und verschiedenen Fachrichtungen, um etwas gemeinsam zu machen, zum Beispiel Städtebesichtigungen, Bowling-Spielen. Einmal haben wir auch im Ramadan Fastenbrechen gemacht und gemeinsam gegessen.
Das finde ich ein gutes Beispiel für Begegnungen, wo man sich mit verschiedenen Leuten aus verschiedenen Kulturen unterhalten kann, zum Beispiel aus Marokko, Tunesien, Irak, Syrien, Libanon, Ägypten, Ukraine, China, Russland, Korea, Togo, Guinea, Brasilien, Mexiko, Deutschland und andere. Wir sind eine große Gruppe, über hundert Menschen.
Ich habe über die Gruppe ein paar deutsche Freunde gefunden, mit denen ich auch privat getroffen habe und die mir manchmal in meinem Studium geholfen haben.


5. Echte Freunde sind wichtig
Wertvoll ist für mich, wenn man mich trifft als normaler Mensch und nicht als Flüchtling. Also Kontakt nicht um sozial zu sein, sondern um gemeinsame Interesse und spontan, wie man kann.
Begegnung ist wichtig für Integration und lernen - aber auch fürs Herz. Freunde sind wichtig, dass ich mich zuhause und nicht fremd fühle. Begegnung ist nicht schwierig zu finden, aber Freunde finden hier ist schwer. Ich habe zum Beispiel zufällig neben einem arabischen Mann in der U-Bahn gesessen und dann haben wir
kurz über Jobcenter geredet und danach hat er mich zum Essen bei ihm zuhause eingeladen. Das passiert mit deutsche Leute nie, weil die können lange Stunden nebeneinander im Zug sitzen ohne ein Gespräch zu führen. In deutscher Kultur ist es höflich, sich nicht zu stören, in arabischer Kultur ist es höflich, sich zu unterhalten.
Trotzdem war möglich für mich, Freundschaft mit Deutsche zu schaffen, zum Beispiel beim Sport: Ich habe ein Projekt aufgebaut, Tischtennistreffen. Der Sinn war, eine gemischte Gruppe mit Deutschen und Ausländern zu machen. Da habe ich einen guten deutschen Freund getroffen und durch ihn noch andere kennengelernt. Ich bin auch Fan von den Fürthern und ich gucke im Stadion Spiele. Dort habe ich Kontakt bekommen zu deutschen Leuten, mit denen spiele ich jetzt jede Woche Fußball. Was gut ist hier, dass wir einfach gute Atmosphäre haben und gemeinsame Hobby haben und ich lerne Fränkisch von ihnen.
Bei der Arbeit, eine Kollegin von mir ist wie meine Mutter, sie macht Sorgen an mich und
gibt mir gute Tipps. Sie hat auch einen Garten und ich habe ihr mit Gießen geholfen, wenn sie in Urlaub ist. Dort habe ich mit den Garten-Nachbarn schöne Zeit gehabt, Feuer, Essen, Begegnungen.
Ich habe auch eine Kollegin in meiner Generation. Und wir haben zusammen die Idee gehabt, dass wir eine gemischte Gruppe für Kartenspiele machen würden. Wir haben deutsche und arabische Spiele ausgetauscht, privat Unterhaltung gehabt und wir haben voneinander neue Freunde gefunden. Wir sind gute Freunde geworden und so habe ich darüber noch andere deutsche Freunde getroffen. Echte Freunde sind wichtig für mich, weil ich vertrauen kann, alles fragen, über alles reden und das Interesse kommt vom Herzen.


6. Begegnung braucht Offenheit
Es gibt Herausforderung für Begegnungen zwischen verschiedenen Religionen. Da ist gut, wenn es Verständnis gibt für die Religion-Regeln. Denn Muslime dürfen zum Beispiel nicht mit Leuten an gleichem Tisch sitzen, wenn dort Alkohol getrunken wird. Es wäre schön, wenn sie die Muslime fragen, ob es in Ordnung ist, bevor sie Alkohol bestellen. Nicht allen Muslimen ist diese Regel wichtig, aber es zeigt Respekt. Das geht nur durch miteinander reden.
Andere Seite: In Deutschland darf jeder Kleidung tragen, Frisur und Piercing und Tattoo, wie er will. Wenn jemand das nicht akzeptieren kann, ist Begegnung schwer. Aussehen hat nichts zu tun mit Freundlichkeit.

 

Für Begegnung ist wichtig: Offen sein, neugierig, Lust auf Kontakt, fragen, wenn man nicht weiß, was er machen soll, und Geduld. Begegnung braucht Verständnis für andere Kultur und Menschen: Es geht nicht um Bewertung, ist einfach anders. Begegnung braucht Offenheit von beide Seite, Integration geht nicht alleine.

Begegnungen sind wichtig für Kopf und Herz.


Yasser kommt aus Syrien.
Seine Muttersprache ist Arabisch.

aus:

Glöckner, H. (Hrsg.): Begegnungen sind die Bausteine der Integration.

Ein Schreibprojekt mit Migrantinnen und Migranten, Freiwilligen Zentrum Fürth, 2019

 

 

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